Clausewitz-Gneisenau-Scharnhorst

Scharnhorst, Clausewitz, Gneisenau, Boyen und Grolman hießen die herausragenden Köpfe der preußischen Militärreformer. Ihr unmittelbares Wirken steht im Zusammenhang des europäischen Umbruchs an der Wende zum 19. Jahrhundert. Ihre Wertvorstellungen weisen weit über ihre Zeit hinaus und gehören zu den Wurzeln des Selbstverständnisses der Bundeswehr. Das macht sie zu wichtigen Persönlichkeiten für die Traditionspflege des Heeres.

Die preußischen Militärreformen des frühen 19. Jahrhunderts sind Teil der deutschen Nationalgeschichte und Ausdruck des Bemühens um den Aufbau eines leistungsfähigen, effizienten, „modernen Staates“.

 

Die Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht wie der Landwehr, die Reform der Militärstrafen (Wegfall der Prügelstrafe), die Neuregelung von Offizierersatz und Offizierausbildung (Leistung und Begabung statt Herkunft; bürgerliche Bildung; Durchlässigkeit des Systems) sowie die Schaffung eines Kriegsministeriums zielten darauf, alle waffenfähigen Bürger in einem Volksheer zu verpflichten, damit sie „das Vaterland aufgrund innerer Anteilnahme tapfer verteidigen und im treuen Dienst für die Nation, auch unter Einsatz des Lebens, eine Ehre sehen.“

 

Mit der Formulierung dieser Gedankengänge schufen die preußischen Militärreformer zwar nicht ihre unmittelbare Umsetzung in die politische Lebenswirklichkeit. Teile ihres Gedankengutes wurden erst in den Revolutionen von 1848 und 1918, ja durch die Schaffung der Bundeswehr 1955 verwirklicht. Aber sie schufen das Fundament des Gedankengebäude, in dem die Bundeswehr und das Deutsche Heer heute leben.

 

Clausewitz wurde bereits im Alter von zwölf Jahren Soldat und machte den Revolutionskrieg in den Reihen des preußischen Heeres mit. Er lebte und wirkte in einer Zeit des Umbruchs, der stürmischen Veränderungen überkommener politischer, ökonomischer und sozialer Strukturen im Wechselspiel von Revolution und Restauration oder Reaktion, wie sie im militärischen Bereich mit der Kanonade von Valmy (20.9.1792) sichtbar ihren Anfang nahm. Eine neue Welt trat dort mit dem ersten Sieg des französischen Revolutionsheeres in Erscheinung, dem revolutionären Volkskrieg. Clausewitz erlebte diese Anfänge eines neuen Zeitalters ebenso intensiv wie später den militärischen und politischen Zusammenbruch Preußens im Jahre 1806 und damit das Ende jener alten Welt, in welcher er aufgewachsen war.

 

Als Vertrauter und Freund von Scharnhorst arbeitete er an der preußischen Heeresreform mit und erlebte die nahezu hoffnungslose Lage des preußischen Rumpfstaates nach dem Tilsiter Frieden (1807). Im Frühjahr 1912 gehörte er zu den politisch bewußten preußischen Patrioten, die in russische Dienst traten, um nicht für die damals verhaßte Sache Napoleons kämpfen zu müssen. Als Oberst in russischen und dann wieder in preußischen Diensten kämpfte er in den Freiheitskriegen von 1813/15 und wurde als Chef des Generalstabs des III. Armeekorps in der Schlacht von Ligny-Belle-Alliance auf die Probe gestellt. König Friedrich Wilhelm III. nahm ihm den Übertritt in russische Dienste übel und verdächtigte ihn als Jakobiner. Er wurde deshalb 1816 zuerst nach Koblenz zu Gneisenau versetzt und 1818 als Verwaltungsdirektor der Allgemeinen Kriegsschule zu Berlin «abgeschoben», was zu seiner Resignation bis zum Lebensende führte.

Nach dem Tode Scharnhorsts im Jahre 1813 schloß sich Clausewitz Gneisenau an, der sein einziger wahrer Freund wurde. Während des polnischen Aufstandes von 1830/31 war er als Generalmajor Gneisenaus Chef des Generalstabes bei der preußischen Observationsarmee in Posen.

 

Nach Gneisenaus Tod kehrte er am 7. November 1831 nach Breslau zurück, um gemeinsam mit seiner Gattin am Werk «Vom Kriege» weiterzuarbeiten. Aber schon am 16. November ereilte ihn der Tod durch die Cholera, wie zuvor schon seinen Freund Gneisenau.

 

In der Überlieferung erscheint Clausewitz als eine empfindsame, selbstkritisch veranlagte Persönlichkeit von absoluter Rechtschaffenheit. Im Urteil von Zeitgenossen wirkte er als zurückhaltend und verschlossen, ja mitunter kalt abweisend, aber auch als Mann ruhiger Besonnenheit, seltener Klarheit und unerschütterlicher Festigkeit der Gesinnung.

 

Clausewitz war an der Bearbeitung von Reglementen für Infanterie, Kavallerie und Artillerie beteiligt. An der Kriegsschule lehrte er Artillerieschießlehre sowie die Praxis des Generalstabsdienstes und des kleinen Krieges. 1813 verfaßte er in Königsberg eine Instruktion für die Ausbildung der Landwehr (Miliz). 1831 schrieb er für Gneisenau eine «Betrachtung über den künftigen Kriegsplan gegen Frankreich». Er hatte einen ausgeprägten Sinn für politische Zusammenhänge und stand als preußischer Gesandter in England oder in der Schweiz zur Diskussion.

 

Die Veröffentlichung der Korrespondenz zwischen Gneisenau und Clausewitz vom Januar 1809 bis Februar 1831 durch den hervorragenden Clausewitzforscher Werner Hahlweg, der leider schon 1989 verstarb, bietet einen tiefen Einblick in das Denken und Fühlen dieser beiden großartigen Persönlichkeiten der preußischen und deutschen Geschichte.

 

Diese Briefe geben nicht nur weiteren Aufschluß über die Entstehung des Werks „Vom Kriege“, an dem Clausewitz in dieser Zeit intensiv gearbeitet hat, sondern sie bieten auch Einblicke in den Gedankenaustausch der beiden Männer, von denen Gneisenau in einem Brief an die Fürstin Radziwill einmal gesagt hat, neben engagierten Liberalen, konservativen Anhängern des Königs und königstreuen Konstitutionalisten gebe es noch eine vierte Partei in Preußen, die sei „aber gar zu schwach, denn sie besteht nur aus dem General von Clausewitz und mir“. 

 

Clausewitz, den es in die Politik zog (am liebsten wäre er preußischer Botschafter in London geworden), ist nach 1814, als er in preußische Dienste zurückkehren konnte, oftmals übergangen und brüskiert worden. Prinz Wilhelm, der spätere deutsche Kaiser, hat ihn abschätzig „Mr. Lausewitz“ genannt. 

 

In der Einleitung zu Clausewitz Hauptwerk „Vom Kriege“ schrieb seine Frau Marie im Juni 1832 über sein Verhältnis zu Gneisenau:

„So arbeitete er eifrig fort, bis er im Frühjahr 1830 zur Artillerie versetzt und seine Tätigkeit nun auf eine ganz andere Weise, und zwar in so hohem Grade in Anspruch genommen wurde, daß er, wenigstens fürs erste, allen schriftstellerischen Arbeiten entsagen mußte. Er ordnete seine Papiere, versiegelte die einzelnen Pakete, versah sie mit Aufschriften und nahm einen wehmütigen Abschied von dieser ihm so liebgewordenen Beschäftigung. Er wurde im August desselben Jahres nach Breslau versetzt, wo er die zweite Artillerieinspektion erhielt, aber schon im Dezember wieder nach Berlin zurückberufen und als Chef des Generalstabes bei dem Feldmarschall Grafen von Gneisenau (für die Dauer des demselben verliehenen Oberkommandos) angestellt. Im März 1831 begleitete er seinen verehrten Feldherrn nach Posen. Als er nach dem schmerzlichsten Verlust im November von dort nach Breslau zurückkehrte, erheiterte ihn die Hoffnung, sein Werk wieder vornehmen und vielleicht im Laufe des Winters vollenden zu können. Gott hatte es anders gewollt; er war am 7. November nach Breslau zurückgekehrt, am 16. war er nicht mehr, und die von seiner Hand versiegelten Pakete wurden erst nach seinem Tode eröffnet!

 

Clausewitz, ein Jünger Scharnhorsts, der Freund Gneisenaus. Wie die drei Männer zusammenzuordnen sind, ist ausgeprägt in dem Satz, den Gneisenau an Clausewitz schrieb, als man Scharnhorsts Gebeine von Prag, wo er gestorben war, nach dem Invaliden-Kirchhof von Berlin überführte: »Sie waren sein Johannes, ich nur sein Petrus, obgleich ich ihm nie untreu geworden bin, wie jener seinem Meister«.

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